


Ausgabe fair 01/2026
erschienen im September 2026
The art of survival
Thomas Redl
„noch zwei atemzüge bis zum nullmeridian, dann ist die welt geflutet.“
ÜBERLEBEN
«Après nous, le déluge!» („Nach uns die Sintflut!“) – dieser Ausspruch wird auf die Marquise de Pompadour (1721–1764) zurückgeführt. Sie soll während eines Festes, das durch die Nachricht von der Niederlage von Roßbach (1757) gestört zu werden drohte, diesen Satz ausgerufen haben. Diese geflügelte Redensart bringt die Gleichgültigkeit gegenüber allem Zukünftigen zum Ausdruck, gegenüber allem, was uns nicht unmittelbar betrifft und was wir nicht unmittelbar spüren. Karl Marx schrieb 1867 im Buch Das Kapital: Après nous, le déluge! ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation.2
Da wir uns inmitten der Auswirkungen des globalen Kapitalismus befinden und mit diesen versuchen mehr recht als schlecht zu leben, scheint „Nach uns die Sintflut!“ ein treffender Leitspruch unserer Zeit zu sein. Trotz immer wiederkehrender diverser Krisen machen wir, die Folgen dieser Krisen leugnend, munter weiter, so als ob es keine Verantwortung gäbe für ein Morgen. Als ob aufgrund der vorhandenen Polykrise der Zustand der Untätigkeit und Perspektivlosigkeit die beste Form des aktuellen Lebens wäre – Verdrängung als Strategie. Dennoch stellt sich heute die Frage nach dem kollektiven wie individuellen Überleben, nach unserem zivilisatorischen Weiterleben im Brennpunkt von Klimakrise und Ressourcenverknappung, politischen Verwerfungen und Kriegsschauplätzen, wirtschaftlichen Veränderungen und sozialen Spannungen.
Raoul Schrott schreibt dazu in seinem aktuell erschienenen Buch ZEITGEIST. Ein Plädoyer für Menschlichkeit: „Doch was ist jetzt aus uns geworden? Umfragen stellen vielfach Endzeitstimmungen fest, Grundgefühle der Bedrohung, insbesondere in Bezug auf die Politik, Ohnmachtsgefühle gegenüber der eigenen Lebenswelt, ausgelöst von den Konsequenzen der Erderwärmung, der Corona-Pandemie, den Kriegen an den Grenzen. (…) Derart macht sich eine Resignation breit, die in Vorahnungen allgemeinen Untergangs übergeht. Die Angst vor der Zukunft löst aber nicht nur Nostalgie nach der Vergangenheit aus, sondern auch den hedonistischen Drang, von der Gegenwart zu profitieren, solange man noch kann.“3
Finden wir einen Ausweg aus dieser Stagnation und Machtlosigkeit? Eignet sich die Figur des Künstlers, der sich par excellence in einer prekären Position befindet, als Denkmodell für neue Impulse in unserer Gesellschaft und als Anstoß für Transformationsprozesse?
In dieser Ausgabe geht es vor allem um Künstler:innen-Statements zur Situation unserer Zivilisation, um aktivistische und philosophische Ansätze, die die Zeichen der Zeit reflektieren und darauf mit neuen Denk- und Gestaltungsmodellen reagieren. In unserer Orientierungslosigkeit brauchen wir wirkmächtige Bilder und Modelle, um uns die notwendigen Veränderungsprozesse vorstellen und in ihrer Qualität erkennen zu können. Dann kann die Entwicklung von Formen des aktiven Tuns folgen – Erkenntnis als ersten Schritt zur Aktion.
BEITRÄGE / KÜNSTLER:INNEN
Der umfangreichste Beitrag ist dem im Februar 2026 verstorbenen Künstler Klaus Rinke gewidmet. Mit seiner Körper- und Performancekunst prägte er die Avantgarde der Nachkriegskunst. Im Laufe unserer langjährigen Freundschaft durfte ich drei großformatige Magazine zu seinem Werk in der Publikationsreihe in situ herausgeben. So lernte ich ihn als beeindruckende Persönlichkeit kennen und schätzen. Auf der Rückseite dieses Magazins sieht man ihn 1969 bei der Aktion Taking possession of the Mediterranean for the arts. Der melancholische Charakter dieses Bildes ist für mich eine Metapher für die Lebens-Zeit des Menschen.
Im Interview mit Barbara Husar erläutert sie ihr künstlerisches Konzept, das unmittelbar mit der Natur verbunden ist. Die Inspiration für ihre Kunst holte sie sich während Aufenthalten in der Wüste Sinai, wo sie eine Ziegenherde betreute. Ihr aktuelles Projekt Euter-Ballon ist eine Mahnung an uns in Bezug auf die industrielle Ausbeutung der Natur für unserer Ernährungssicherheit.
Die Autorin Ohla Volynska beschreibt die ukrainische Bildhauerin Nadiia Nechkina, die in ihren Objekten Kriegsrelikte in künstlerische Werke verwandelt und damit versucht, die traumatischen Erlebnisse des Krieges zu transformieren und zu verarbeiten. Die Kunst und insbesondere die Bildhauerei wurde für sie zur Rettung: zum Mittel, die Tragödie des Kriegs zu verarbeiten und metaphorische Botschaften an künftige Generationen zu senden. In ihren Arbeiten geht es um die Themen Verlust, Widerstandsfähigkeit und Hoffnung.
Im Text Archival Survival legt Romy-Elena Pfeifer den Fokus auf Überlebensarchitektur. Anhand von zwei Beispielen beschreibt sie die Bedeutung von Architektur im Kontext mit physischem, psychischem, strukturellem und ökologischem Überleben und weist außerdem auf die hohe kulturelle Bedeutung des Denkmalschutzes und der Dokumentation hin.
TEMPUS FUGIT
Ein rostender Stahlmonolith und eine Uhr ragen wie versunkene Relikte aus einem See. Die plötzliche Gegenwart dieser in der Umgebung so völlig fremd wirkenden Objekte erzeugen eine befremdliche Atmosphäre. Die aus dem See ragende Bahnhofsuhr erzeugt eine Wirkung als wäre der Wasserspiegel des Sees angestiegen und nur noch die Uhr eines versunkenen Bahnhofs sichtbar. Eine paradoxe Erscheinung, in der die Uhr ihrer Funktion entleert scheint – denn wem soll sie in einer versunkenen Welt noch die Zeit anzeigen. Gleichzeitig stellt sie das Weitergehen der Zeit dar, denn, auch wenn niemand da ist, der sie ablesen kann, läuft die Zeit unbeirrbar weiter.
Der Monolith und die Uhr wurden im Zuge der Expo 2002 im Murtensee in der Schweiz installiert. Der Monolith stammt von Jean Nouvel, in seinem Inneren waren die restaurierten Panoramabilder der Murtenschlacht ausgestellt. Die Uhr, mit dem Titel Le temp du lac, ist ein Werk von Klaus Rinke. Diese Objekte stellen sinnbildlich die Frage nach unserem zivilisatorischen Überleben und sind daher als Coverbild für diese Ausgabe ausgewählt worden.
ULTIMA RATIO
Der Künstler, Initiator und Betreiber der WERKSTADT GRAZ Joachim Baur hat 2005 in dem Werk ULTIMA RATIO das Schild für Fluchtwege umgestaltet, der Pfeil zeigt nach links und die Laufrichtung der Person nach rechts. Dadurch wird nicht mehr erkenntlich wohin der Fluchtweg/Ausweg führen könnte. Er schreibt dazu: richtung ausweg – richtung zuflucht – letzte flucht – innerlich und inwändig – wird in die andere richtung führen – in die nicht vorausgedachte und nicht ausgewählte – nicht ersehnte – in die andere –
Vielleicht führt auch unsere Zivilisation in eine andere, nicht ersehnte, nicht vorausgedachte Richtung.

